Tagebuch Teil 2 - The days after Hurricane Frances

 

Mittwoch, 8. Sept.:

Wir halten das Rumgehocke nicht mehr aus und machten uns auf zum Flughafen. Zwei Stunden müssen wir dort noch rumsitzen, bis das Wetter sich so weit gelupft hat, daß wir drunter durchschlüpfen können. Nach drei Stunden Nonstop Flug die ersten Häuser von Vero Beach: einige Dächer sind runter, sieht aber von oben nicht so schlimm aus wie in Punta Gorda (das war Charlie, Ihr erinnert Euch?). Dann am Hangar die erste Überraschung: Das Tor ist weggerissen. Unser Auto steht noch drin, auch der diverse Kleinkram im hinteren Bereich, aber von unseren Gartenstühlen sind nur noch Krümel vorhanden. Offensichtlich hat der Wind die Tore nach außen gezogen, dadurch sind oben die Rollen aus den Halterungen raus und das war´s dann. Gerd´s Auto hat jetzt auch keine Rückleuchte mehr hinten rechts, genauso wie meine Karre (das war eine andere Story ;-) was ich ihm natürlich gleich unter die Nase reiben muss GRINS. Welche Freude allerdings, als wir den Hamster lebend bergen können! Auf dem Heimweg machen wir noch einen Abstecher bei dem Boot unserer Freunde. Das Boot ist o.k., aber Richard´s Marine ist atomisiert.

Hangar + Richard´s Marine (nein, das Bild steht nicht auf dem Kopf, nur das Schild ;-)

Old Dixie Hwy bei Richard´s + das bewusste Boot (das mit der türkisfarbenen Abdeckung)

Den Zustand, den wir auf unserer Insel antreffen, kann man nur mit SCHOCK beschreiben. Früher war die Insel mal sehr bewaldet, viele große alte Eichen und noch mehr ausgewachsene Palmen, darunter versteckt kleine und große Häuser. Jetzt stellt Euch vor, wenn jeder dritte Baum fehlt. Oder besser gesagt, alles atomisiert auf der Erde rumliegt. Die Straße ist übersät, man ist wohl mit dem Dreckschieber durch, um eine befahrbare Gasse freizumachen. Einbahnstraße versteht sich. Ausweichen is nich, kein Platz vor lauter organischen Bruchstücken. Unser Grundstück sieht nicht anders aus, in die Einfahrt kommen wir erst, als unser Nachbar mit der Kettensäge aushilft. Der Schock kommt im Garten hinten: Auf der westlichen Seite hat sich eine Eiche umgelegt und gleich zwei andere mitgerissen. Um dem ganzen noch die spannende Note zu geben, hängt das ganze Dreiergespann in Richtung Dach der (nicht sehr netten) Nachbarin. O-Oh, das sieht nicht gut aus. Gerd sieht schon die Klage und Versicherungsstreitereien auf uns zukommen. Die Nachbarin zitiert uns gleich rüber und läßt keinen Zweifel daran, daß wir uns darum zu kümmern haben.

Hier der Zustand vor dem Haus:

Man kann vor lauter Grün- und Brauntönen garnichts mehr unterscheiden, oder?

Hier der Zustand hinter demHaus, das waren mal drei ausgewachsene Eichen:

Jetzt wird´s langweilig mit all dem Geäst, oder? Wie wär´s zur Abwechslung mal mit ein paar Shots vom Haus? Das hier ist unser Pool (voller Äste, Blätter und Kaulquappen war er zum Gartenteich mutiert) und der Screen darüber ist teilweise zerrissen (meist von Ästen, die jetzt im Pool liegen). Das Haus selber ist mit nur kosmetischem Schaden davon gekommen, es hat ein paar Dachschindeln runtergefetzt und die Verschalung am Dachüberhang ist auf der Ostseite (Haustechnik) praktisch komplett rausgerissen, vermutlich auch nur weil sie vorher schon lose war. Von meiner Bananenplantage ist auch nicht viel übriggeblieben:

Hier noch ein Foto von einer Schiebetür zum Pooldeck - voller Sand vom Beach, der 5km entfernt ist. Und - kaum zu glauben - wir kommen heim und die IN-Jacken sind da. Rain or shine, auf LLBean ist Verlass zur Freude unserer Marketingspezialistin in Karlsbad.

Innen im Haus ist alles o.k., kein Wasser von oben und kein Wasser von von unten durch die nicht eingetretenen Sturmflut!!! Uff, das ist mehr als wir zu hoffen gewagt haben! Allerdings: kein Strom, kein Telefon. Stellt Euch 30°C vor, nehmt noch Strom und Telefon weg und dreht die Luftfeuchte auf 100%. Na? Soll ich in´s Detail gehen? Kühl- und Gefrierschrank sind abgetaut, der Inhalt stinkt erbärmlich. Fließendes Wasser? Dusche? Klospülung? Tja, nix Strom nix Wasserpumpe. Mit Handy telefonieren? Schön, die Telefonmasten scheinen zu funktionieren, aber was ist wenn der Akku leer ist? Klamotten und Handtücher saugen sich mit der Luftfeuchtigkeit voll und fangen an zu müffeln - Waschmaschine, Trockner? Seufz... Air-Condition? Davon träumen wir nachts, wenn wir vor lauter Hitze erst spät schlafen können. Das war wirklich das schlimmste, nachts mochten wir nichts auflassen wegen dem Mückenzeug, und die Luft stand nur. Tagsüber waren Türen und Fenster auf, da zog immer ein leichtes Lüftle.

 

Donnerstag, 9. Sept.:

Wir greifen zur improvisierten Selbsthilfe und legen einen Wasserschlauch direkt vom Brunnen zum Pooldeck. Somit haben wir erst mal kaltes Wasser. Das stinkt zwar nach Schwefel und ist gesundheitlich nicht unbedenklich, aber besser als garnix. Dann gibt´s ein stärkendes Müsli mit Apfelsaft zum Frühstück (Kaffee? Pustekuchen!) damit wir der Blätter- und Ästeberge ums Haus herum zu Leibe rücken können. Wir wollen ja nicht, daß die Ameisen die feuchten Haufen heimisch finden und sich einnisten. Den Pool fischen wir auch aus so gut wir können um die Teekocherei zu stoppen. Bis mittags sind wir fertig - körperlich, noch lange nicht mit der Arbeit.

Bananenschnippler am Werk - die Ernte muss dieses Jahr leider ausfallen. Erste Verletzte sind auch zu verarzten:

 

Freitag, 10. Sept.:

Heut ist der Tag, an dem wir uns zu NICHTS aufraffen können. Es scheint alles viel zu viel zu sein und man weiß garnicht wo man anfangen soll. Trotzdem telefoniere ich die Gelben Seiten durch, um einen Bäumeschneider ausfindig zu machen und mache dabei die Erfahrung, daß auch andere Leute genug zu schaffen haben. Die meisten Büros sind garnicht besetzt oder es ist ein Anrufi dran. Gerd macht ein paar Besorgungen und lernt die Tücken der Benzin- und Lebensmittelbeschaffung kennen, Eis in Beuteln für die Cooler Box ist rationiert, Verkäufer arbeiten fieberhaft um die Regale voll zu halten, trotzdem sind Lebensmittel die ohne Kühlung haltbar sind leergekauft.

 

Das ist jetzt wieder typisch, wir können uns ein Grinsen nicht verkneifen:

Wir machen einen Abstecher in das Appartement unserer Freunde in der Stadt. Dort ist fließendes Wasser und wir können zumindest ordentlich duschen, wenn auch kalt, weil auch dort noch kein Strom ist. Was wiederum bedeutet daß auch dort der Kühlschrank ... o.k., ich spar mir das ;-) Auf dem Heimweg entdecken wir, daß unser Steakhaus schon geöffnet hat und gönnen uns ein rechtes Essen. Es scheint also doch schon einige zu geben, die wieder Strom haben.

Wir entdecken andere in der Stadt, die weniger Glück hatten als wir. Es fehlen die Hälfte der Schindeln auf dem Dach, oder gar ganze Fassaden. Eine Pizzeria hat offen, aber nur für Pizza - und der Sand vom Strand bedeckt die halbe Straße:

Am schlimmsten hat´s den Boardwalk erwischt, zwischen Ocean Drive und Jaycee Park (für die die schon mal hier waren). Die halbe Straße fehlt, der Boardwalk steht frei auf seinen Stützen im Sand:

Die Straße ist komplett gesperrt - Eis und Sandwiches wird es fürdie nächste Zeit nicht geben.

Anwohner bitten mit Schildern um Strom - die Versorger arbeiten fieberhaft. Versicherungsgesellschaften arbeiten flächendeckend aus Wohnmobilen heraus, um der Flut der Schadensmeldungen Herr zu werden. Schon faszinierend, wie das klappt!

Und erinnert sich noch jemand, wie unser Wabasso Beach vorher ausgesehen hat?

 

Samstag, 11. Sept.

Mein Bäumchen hinten muß gerichtet werden. Der Sturm hat es ganz krummgepustet. Das ist mir wichtig, damit fang ich heute an. Gerd macht sich daran, die Kubikmeter Äste/Blätter/Wassermatsche aus der Rinne zwischen Haus und Pool-Screen rauszukratzen. Dann sind die gerupften Büsche dran, sie müssen runtergeschnitten werden. Wird auch höchste Zeit, sie treiben schon wieder aus. Ist es nicht faszinierend, wie die Natur ohne zu zögern mit dem Wiederaufbau beginnt? Da wird niemand beschuldigt, niemand betrauert und keine Zeit verloren. Einfach in aller Stille tun was getan werden muss ... die Menschen sollten sich ein Beispiel nehmen. Heute kommt doch tatsächlich auch ein Bäumeschneiderfuzzi und guckt sich unsere Bescherung an. Er will am Montag kommen, wir sind gespannt ob er Wort hält. Wir haben keine Lust auf Streit mit der Nachbarin, sie nervt eh schon wann wir denn endlich ihr Haus befreien.

Wasser ist nur für Pferde? Nicht bei der Hitze ;-) ! - Internet-Check via Handy durch´s Schiebedach - Gutenachtgeschichte bei Kerzenschein:

Sonntag, 12. Sept.:

Weiter geht´s mit Büsche schneiden oder schiefgepustete Bäume stützen. Dann heuern wir eine Meute Mexicanos, die uns helfen, die riesige Rasenfläche abzurechen und die großen Äste nach vorne zu bringen. Kostenpunkt: 450,- $ was wir mittlerweile aber gerne zahlen. Es guckt schon wieder der erste Rasen raus und die Haufen an der Straße türmen sich:

Abends als wir in die Stadt zum Duschen fahren der beste Anblick seit Tagen: unsere Stromleitung wird repariert!! Endlich ist Ende mit Duschen draußen am kalten Wasserschlauch vom Brunnen mit schwefeligem Wasser ... Rationiertem Becher Trinkwasser zum Zähneputzen ... heissen dämpfigen Nächten wo man kaum schlafen kann weil alles klebt ... Müsli mit Apfelsaft zum Frühstück, Mittag- und Abendessen ... Klo mit einem Eimer Poolwasser voller Kaulquappen spülen ... Invasionen von Ameisen durch die offenen Fenster mit Ziel Kühlschrank, der noch stinkt vom vergammelten Zeugs drin ... Und das allerbeste: wir sind wieder online! Unglaublich, seit wenigen Jahrzehnten erst kennt die Menschheit Strom, und schon geht nix mehr ohne. Ach, was sind wir doch für eine verwöhnte Bagage!

 

Montag, 13. Sept.:

Der Tag fängt gut an: endlich wieder ein Becher Kaffee! Trotzdem ist heute ein ganz merkwürdiger Tag: Jeder ist gereizt und muffig und läßt seinen Frust raus. Könnte es sein, daß die mühsam aufrechterhaltene Selbstbeherrschung aufbricht und die tagelange Spannung abgebaut wird? Im Angesicht des so langsam wieder eintretenden gewissen Normalzustandes läßt jeder los ...

Die Bäumeschneider kommen tatsächlich und fangen an, meine drei Eichen kleinzuknipsen. Ich freue mich sehr über die ungewohnte Zuverlässigkeit und bin gleichzeitig traurig wegen der Bäume. Seufz! Bemerkenswert ist, daß alle drei innen hohl sind und die Wurzelballen recht klein sind. Es sind die drei, die seit jeher kränkeln, spätestens seit vor fünf Jahren wochenlang das Wasser gestanden hat (das war nach gleich zwei Hurricanes) haben sie sich nicht mehr richtig erholt. Vermutlich konnten sie deshalb diesmal nicht standhalten. Zwischendurch gibt es immer wieder Diskussionen mit der Nachbarin, wer jetzt was zahlt. Wenn es nach ihr ginge, sollen wir für alles blechen. Der Bäumeschneiderfuzzi und Gerd schaffen mit vereinten Kräften, daß sie die Entsorgung von drei Palmen auf ihrem Grundstück übernimmt.

Ist schon faszinierend, wie die das machen, jedes Stück Ast wird angeleint und gesichert und erst dann abgesägt. Da fällt nichts runter, alles wird vorsichtig Stück für Stück abgeseilt. Feinarbeit mit Seil und Säge:

Und der jüngste Beifahrer kommt auch zum Zug :-)

Mittags kommt unser Rasenmäher und mäht versehentlich die Telefonleitung der Nachbarin ab, die er im Gewirr der Äste auf dem Boden nicht gesehen hat. Sie reagiert stinkesauer und läßt ihren Frust an dem armen Tom ab. Dabei hätte sie sich schon lange kümmern können, daß ihr Kabel wieder unter die Erde kommt. Mit meiner Selbstbeherrschung ist´s  vorbei und ich leg mich mit ihr an. Diese blöde K..., wenn die auch nur einen Busch jenseits ihrer Grenze pflanzt, gibt´s Ärger!

 

Dienstag, 14. Sept.:

Die Bäumeschneider sind fertig, haben aber "vergessen" Nachbarin´s Dach von Blättern freizupusten und die betroffene Rasenfläche abzurechen. Grund genug für sie, mit uns die nächste Diskussion anzuzetteln. Um des lieben Frieden willens packen wir kurz an und helfen mit. Kaum sind wir fertig, merken wir warum sie so einen Stress gemacht hat: Sie hat Pflanzen bestellt, die auch sofort in die Erde kommen - sie will uns wohl nicht mehr sehen GRINS. Soweit ich beurteilen kann, bleibt sie glücklicherweise auf ihrer Seite. Kostenpunkt für die Bäume: 3.600,- $ und einen Haufen Nerven. Immerhin können wir jetzt wieder ruhig schlafen. Leer isses nun (vgl. auch weiter vorne die Collage von den drei gefallenen Eichen):

Und noch ein schöner Vorher-Nachher Vergleich, die Ansicht vom Haus vorne. Sieht doch schon wieder richtig gut aus, oder? Nur daß die Bäume weniger Äste und kaum mehr Blätter haben, alles vom Wind abgestrubbelt. Man sieht auch links hinter dem Dach die Lücke, wo die Eichen waren:

Mittwoch, 15. Sept.:

Es ist Ruhe eingekehrt, das schlimmste Chaos beseitigt, die Nachbarin hat sich beruhigt. Es ist kahl geworden in unserem Garten hinten, die Sonne brennt erbarmungslos dahin, wo vorher die Sonne Schattenspiele auf den Boden gezaubert hat. Wir sind wieder bei "back to normal", die Kids in der Schule, alles im grünen Bereich. Jemand murmelt was von einem Hurricane, Jeanne heißt das Baby diesmal ... Sounds familiar? Wir machen es wie die Natur und tun "slowly but surely" was getan werden muss um die nun nackte aufgerissene Erde zu gestalten und neu zu pflanzen. Uns wird schon was schönes einfallen ...